Temporäres Kunstprojekt | Milchmädchen Perrette

Die Kulturstiftung Schloss Britz präsentiert folgende Intervention aktuell im Park:

#3 The Milkman AKA Hans im Glück, Intervention von Frederik Foert

In einer monatlichen Abfolge werden sich in chronologischer Folge die
Künstler*innen Jörg Lange, Claudia von Funcke, Frederik Foert und
Aneh Ondare mit der Skulptur des Milchmädchen Perrette auseinandersetzen
und ihre Geschichte, Trauer und Hoffnung neu interpretieren. 2020 wurde
der Krug der Britzer Brunnenanlage entwendet und wird nun als Nachguss
rekonstruiert. Bis zu seiner Fertigstellung im Sommer finden die vier
Kunstaktionen statt.

Die Interventionen sind im Rahmen eines Spaziergangs durch den Park zu
erleben, der Eintritt ist frei.
Dieses Projekt der Kulturstiftung Schloss Britz kuratiert Dr. Martin
Steffens. Es wird ermöglicht von dem „Freunde und Förderer Schloß Britz
e. V.“ durch eine Spende der Berliner Volksbank.

Das Milchmädchen-Projekt

Im Park von Schloss Britz steht seit 1998 die Skulptur des
Milchmädchens Perrette. Das Original befindet sich im ehem.
kaiserlichen Garten von Zarskoje Selo bei Sankt Petersburg. Die auf
einem Stein sitzende junge Frau, die traurig auf ihren zerbrochenen Krug
hinabherschaut, ist ein Werk des russischen Bildhauers Pawel Sokolow.
Das Original wurde 1816 gegossen, eine frühe Replik kam nach 1827 in den
Schlosspark Glienecke. Aus Anlass der 10-jährigen Partnerschaft zwischen
den Staatl. Museen St. Petersburg und der Kulturstiftung Schloss Britz
wurde mit finanzieller Unterstützung der „Freunde und Förderer Schloß
Britz e. V.“ 1998 ein weiterer Abguss im Britzer Schlosspark
aufgestellt. Die Geschichte Perrettes, die Jean de La Fontaine 1678 in einer Fabel
erzählt, handelt von enttäuschter Hoffnung. Die junge Bäuerin träumt
davon, das Geld, das sie auf dem Markt für den Krug Ziegenmilch
einnehmen wollte, in den Ankauf von Küken zu investieren. Gemästet
sollten die Hühner dann das Geld für den Erwerb von Ferkeln einbringen,
die dann ausgewachsen sogar den Kauf einer Kuh und eines Kalbes
ermöglichen sollte. In ihrer ungestümen Vorfreude stolpert aber
Perrette, ihr Krug zerspringt und damit auch ihre Hoffnung auf
wirtschaftliche Unabhängigkeit. Die Milchmädchenrechnung und die
sprichwörtliche (nichtige) Klage über vergossene Milch leitet sich
von dieser Dichtung ab. Die traurige Frau hat zu ihrem Schaden noch den
Spott. Hat sie doch zu viel gewollt?

#3 The Milkman AKA Hans im Glück. Intervention von Frederik Foert, Juni 2021

Bei der dritten Installation der Brunnenskulptur des „Milchmädchens“ gesellt sich eine charismatische Gestalt zur trauernden Perrette hinzu: „The Milkman“, die Verkörperung eines Superhelden mit magischen Fähigkeiten, der vor seiner Verwandlung „Hans im Glück“ aufs Haar ähnelte.

Frederik Foert bemüht in seiner Skulptur und in dem begleitenden Video, das über einen QR-Code abgerufen werden kann, einer Vielzahl von mythologischen Zitaten und popkulturellen Phänomenen, die er assoziativ um die Fabel von Jean de La Fontaine gruppiert.

Dabei geht es um Geschichten und Legenden von erhofftem Reichtum und erlittenem Verlust, dem Umgang mit vermeintlichen Defiziten und den Schrecken eines Zuviels. Die goldenen Hände des „Milkmans“ gemahnen etwa an den Fluch des legendären Krösus, der an seinem Reichtum zugrundeging. Hans im Glück findet seinen Seelenfrieden erst nach dem Verlust all seines Reichtums, während Perrette am Verlust ihrer Träume von Wohlstand zerbricht. Wo ist also rechte Umgang mit Gold zu lernen?


#2 Château La Perrette. Intervention von Claudia von Funcke, Mai 2021

Die zweite Intervention des Britzer Milchmädchen-Projekts erfolgt durch Claudia von Funcke. In ihrer Lesart trauert Perrette nicht mehr der vergossenen Milch und den damit für immer vertanen Chancen hinterher. Sie sieht hell und licht ihre eigene, glänzende Zukunft – mittels einer Virtual Reality-Brille. Dynamisches Denken nennen das die Neurowissenschaften. So überwindet die junge Frau das Festhalten am Gewohntem, die fest zementierten Vorstellungen in Bezug auf soziale Determination und Geschlechterrollen der Zeit La Fontaines.

Wo wären wir denn ohne Luftschlösser, ohne die Freiheit, uns das Unvorstellbare vorstellbar zu machen? Sind wir nicht alle Narren (von denen die Fabel La Fontaines spricht), die ebenso eine Milchmädchenrechnung von einer besseren Zukunft gemacht hätten und dafür verhöhnt würden? Keine große Utopie, kein Zukunftsprojekt wäre sonst je gedacht oder gar realisiert worden.

So erhebt sich nun neben der Skulptur der Perrette ein fast 3 Meter hohes Eingangstor zur Imagination – zu einem Luftschloss, das sich gleich einem Château in Frankreich hinter den Weinbergen und Bäumen zu verstecken scheint: Ein Luftschloss, das jeder nach eigener Façon selber baut. Wie ein Kind, das mit Bauklötzen spielt und immer noch einen Klotz mehr auf den anderen setzen will, um das Gleichgewicht auszureizen, wie Architekten, die am Rande des statisch Machbaren jonglieren, steht dieses fast ätherische Fanal aus feinem Draht für Risiko, Labilität und Balance, für Optimismus, Scheitern und Neuanfang. Das Château La Perrette steht für ein potentes Gedankengebilde und eine futuristische Ideenskizze, das Luftschloss wird als konstruktive Übung für

das Hirn rehabilitiert: Sprengen Sie die Grenzen Ihrer Möglichkeiten! Think outside the box! Flanieren Sie im Schlosspark und lassen Sie Ihre Gedanken fliegen. Welche Vision brauchen Sie heute?


#1 Perrette. Intervention von Jörg Lange, April 2021

Der Künstler Jörg Lange nähert sich der Skulptur des Milchmädchens,
losgelöst von ihrem zeitgeschichtlichen Kontext, indem er sie als Figur
der Gegenwart interpretiert und ihr Möglichkeiten zu einer positiven
medialen Selbstdarstellung aufzeigt:
„Ich stelle mir vor, wie sie als bekannte Influencerin ihre Projekte
und merkantilen Strategien im eigenen Channel verbreitet oder als
erfolgreiche Musikerin ihr Schicksal und/oder soziale Herkunft besingt.
Den imaginierten Wandel, vom gescheiterten Milchmädchen zum
erfolgreichen It-Girl (das Internet macht es möglich), fand ich sehr
inspirierend. Bezeichnend für besagte „Netzwerker“ ist das permanent
Selbstreferenzielle. Um sich erfolgreich zu vermarkten, sind
Alleinstellungsmerkmale unerlässlich und so dreht sich alles um
„Me-Myself and I“.

Um dem bislang namentlich nicht benannten Milchmädchen ihre Identität
zurückzugeben, wird der Trauernden eine vergoldete Halskette mit dem
Namenszug „Perrette“ umgehängt. Die leichte Halskette nimmt auch Bezug
auf die Zartheit der skulpturalen Erscheinung. Der real um ihren
Milchkrug Bestohlenen wird ein wertiger Ersatz geboten. Ein Schmuckstück
und eine selbstbewusstes Statement, zur eigenen Identität und zu ihrer
Verlusterfahrung zu stehen.

Zeit:

22. April 2021, 00:00–22. Juli 2021, 15:39 Uhr

Ort:

Schloss Britz
Alt-Britz 73
12359 Berlin